Apr
10

Die Piloten von Smolensk

Filed Under (PSAG, Werksverkehr) by on 10-04-2010 and tagged , ,

Ich möchte bei aller Trauer um den Polnischen Präsidenten Kaczynski und die restlichen Insassen des Flugzeuges kurz innehalten und eine Lanze für die Piloten brechen. Die Zeit schreibt im letzten Artikel

Zuvor hatten Moskauer Medien von einem möglichen Fehler des Piloten berichtet. Der Pilot der Präsidentenmaschine habe bei nebligem Wetter vier Landeversuche unternommen, sagte der Vizekommandeur der russischen Luftwaffe, Sergej Rasygrajew, der Agentur Itar-Tass. Der Flughafen in der Nähe der Stadt Smolensk sei technisch in einwandfreiem Zustand gewesen. Wegen des Nebels soll dem Piloten angeboten worden sein, in der weißrussischen Stadt Minsk zu landen oder nach Warschau umzukehren, berichteten russische Medien. Demnach habe der Pilot eigenmächtig gehandelt. Das Flugzeug war in einen Wald gestürzt

Die Hervorhebungen im Text sind von mir.

Ich bin bekanntermaßen selbst Pilot und habe ein wenig recherchiert:

Der Absturz erfolgte vor dem Flugplatz “Smolensk Severny Airfield“, das ist eine ehemalige Militärbasis. Sie hat die ICAO Kennung “XUBS“. Ich habe nur recht unverläßliche Informationen über diesen Flugplatz, gemäß diesen verfügt er nicht über ein Instrumentenlandesystem und schon garnicht über ein nebeltaugliches (Wenn jemand eine Anflugkarte von XUBS hat, würde ich mich über eine kurze Mitteilung freuen, ob der Platz ein ILS CAT II hat, das bräuchte man für einen Anflug bei 500 Meter Sicht).

Technisch ein klarer Fall: Eine Landung nach Sicht mit einem Jet bei 500 Meter Flugsicht ist im Sichtflug nicht möglich.

Sicher haben die Piloten einen Fehler gemacht. Wenn ein technisch einwandfreies Flugzeug runterfällt, ist der Pilot schuld. Vier fehlgeschlagene Landeanflüge sprechen klar dafür, daß das Flugzeug in Ordnung war und die Piloten trotz nicht ausreichender Sicht versucht haben, zu landen.

Daher möchte ich nun gerne über die Situation an Bord dieses Flugzeuges nachdenken:

  • Der Präsident der Repulik ist an Bord.
  • Mit ihm der Zentralbankchef, der Armeepräsident und viele weitere hochrangige Menschen.
  • Alle haben einen engen Terminkalender.
  • Sie wollen alle zur Gedenkfeier nach Katyn (und danach gleich wieder heim).
  • Der Flugplatz liegt im dichten Nebel.
  • Eigentlich wäre das beste, umzudrehen und woanders zu landen.
  • Hunderte, tausende Kilometer weit weg (Rußland ist groß).
  • Und dann mit dem Auto weiter nach Katyn.

Möchten Sie immer noch von einem Pilotenfehler sprechen?

Nachtrag 1:

Ich scheine mit meiner ersten Vermutung nicht alleine zu sein, ich habe gerade einen Artikel im Blog “Alles Schall und Rauch” gefunden, der sogar klar behauptet, daß der Pilot zur Landung gezwungen wurde.

Nachtrag 2:

Es gibt inzwischen einen Bericht beim Aviation Herald, der die bis jetzt bekannten Fakten zusammenfaßt:

  • Die Sichtweite betrug zum Unfallzeitpunkt 500 Meter. 3 Stunden vorher und 3 Stunden später lag sie bei jeweils 4 km.
  • Das erklärt auf jeden Fall die problemlosen Landungen von 2 Flugzeugen vor der Unglücksmaschine.
  • Der Flugplatz verfügt laut russischen Airport Charts über ein NDB, nicht aber über ein ILS einen LOCalizer oder ein VOR.
  • Es wird ein Interview mit dem Fluglotsen zitiert, der aussagt, daß das Flugzeug im ersten Landeanflug auf den Flugplatz war.
  • Im gleichen Interview wird zitiert, daß die Piloten Probleme gehabt hätten, die Anweisungen in Russisch zu wiederholen.

So sieht also die aktualisierte Sachlage aus:

  • Der Flugplatz Smolensk lag im Nebel mit einer Sichtweite von 500 Metern.
  • Er verfügt nicht über ein Instrumentenlandesystem, das präzise genug für einen solchen Anflug bei 500 Metern Visibility ist.
  • Es ist möglich, daß ein PAR Anflug durchgeführt wurde (Präzisionsanflugradar, am einfachsten als “Runtersprechen” beschrieben).
  • Dieser Anflug würde aber bei Verständigungsproblemen sofort abgebrochen.
  • Sobald der Fluglotse bei einem PAR sieht, daß das Flugzeug zu tief ist, gibt er ein Kommando zum Durchstarten.
  • So ist ein PAR Anflug eine sichere Sache.

Unklar ist im Augenblick:

  • War es ein PAR Anflug? Wenn ja, warum wurde bei 50 Metern über dem Boden kein Kommando zum Durchstarten gegeben wurde.
  • Vielleicht war es kein PAR Anflug und es wurde mit Hilfe des NDB ein Anflug versucht. Das ist aber auf jeden Fall zu ungenau für 500 Meter Sicht.



Artikel, die Sie auch interessieren könnten:

coded by nessus


8 Responses to “Die Piloten von Smolensk”

  1.   Teufel Says:

    1,5h vor der Präsidentenmaschine ist ein Flugzeug mit polnischen Journalisten im dicksten Nebel auf diesem Flughafen in Smolensk ohne Probleme gelandet. Das hat der Journalist Jan Mroz bei TVN24 bestätigt.
    Also geht es doch. Die Präsidentenmaschine ist ja nachtflugtauglich und da landet man ja eigentlich nicht auf Sicht sondern auf der Basis von Präzisionsradar oder ähnlichen technischen Einrichtungen falls kein ILS vorhanden.
    Also der Nebel allein kann es nicht gewesen sein.

  2.   Christian Pohle Says:

    “Also geht es doch” – natürlich geht es immer irgendwie. Das beweisen täglich viele Flüge im Bedarfsluftverkehr, die am Rande der Legalität und des Machbaren durchgeführt werden.

    Eben das ist das Problem.

    Ein Radar Approach wäre möglich, wenn die Flugsicherung in Smolensk ein Präzisionsradar installiert hat und den Piloten runterspricht. Das ist zwar nicht für solch kurze Sichtweiten zugelassen, aber zumindest ein Ansatz. Smolensk scheint, soweit ich das sehe, nicht über ein solches System zu verfügen.

    Ein simpler GPS Approach, sofern in Smolensk ein verläßliches GPS oder GLONASS Signal zum Landezeitpunkt verfügbar war, wäre zwar ohne Bodengestützte Signale möglich, tut hier aber den Job nicht, denn dabei ist man ziemlich oft ein paar Hundert Meter neben der Piste.

    Wie hier geschehen.

    Das Problem war sicherlich nicht, daß der Pilot nicht wußte, wie hoch er ist, eine Tupolew verfügt sicherlich über einen Radarhöhenmesser. Er meinte nur, er wäre über der Piste.

    Nicht über dem Wald.

  3.   Isarnixe Says:

    Hier ein paar Twittergedanken und paar Links …

    Es war kein wirklicher sogenannter “Pilotenfehler”! #Flugzeugabsturz #kaczynski #planecrash #smolensk
    http://tl.gd/qpk4m
    und/oder
    http://twitpic.com/1etnr4
    http://twitpic.com/1etnxp
    http://twitpic.com/1eto2p
    http://twitpic.com/1eto9t
    http://twitpic.com/1etoeb

  4.   derkomtur Says:

    Sag’ mal ist es Dir nicht peinlich zu behaupten Pilot zu sein und einen Absatz weiter untern absolute Unkenntnis der Materie zu demonstrieren?

    “…ein ILS CAT II hat, das bräuchte man für einen Anflug bei 500 Meter Sicht).”

  5.   Christian Pohle Says:

    Ein ILS CAT II erfordert eine Runway Visual Range von mindestens 350 Metern. ILS CAT I erfordert eine Visibility von 800 Metern oder eine RVR von 550 Metern.

    Wenn Du mir nicht so einfach glauben möchtest, kannst Du das gerne bei Wikipedia nachlesen.

    Die Ungenauigkeit, die Du mir vorwerfen kannst, ist die Frage, wie die Sicht wirklich war – die Berichte reichen hier von “Heavy Fog” bis 500 Meter Visibility. Daher habe ich mal den besten anzunehmenden Fall angenommen, und das wären 500 Meter und somit CAT II.

    Übrigens behaupte ich nicht einfach, Pilot zu sein, sondern kann es nachweisen.

    Ich kann daher nicht nachvollziehen, wieso Du mir “absolute Unkenntnis” vorwirfst, könntest Du bitte näher spezifizieren, auf was genau Du Dich da beziehst?

  6.   Teufel Says:

    Der Flughafen Severny Aerodrom in Smolensk hat kein ILS, sondern der Anflug wird mit PAR überwacht.
    http://www.plapperstorch.de/?p=22362
    Das klingt glaubhaft, sonst wäre ja die Jak-40 mit den Journalisten auch kaum heil im dichten Nebel heruntergekommen. (fast)Übereinstimmende Aussagen gibt es inzwischen über die Sicht ca. 500m. Das wird dann allerdings fälschlicherweise als “Heavy Fog” deklariert. Die Sichtweite von 500m klingt auch glaubwürdig wie auf dem Video eines polnischen Reporters zu erkennen war, der noch vor den Rettungskräften am Unglücksort eintraf.

  7.   Christian Pohle Says:

    Precision Approach Radar ist an Militärplätzen recht gebräuchlich, das würde Sinn machen. Zumindest bei den zivilen PARs an deutschen Flugplätzen gelten aber die Minima von ILS CAT I für den Anflug, also 800 Meter Visibility, somit wäre der Anflug unterhalb des Limits für ein PAR gewesen.

    Widersprüchlich ist dabei der Bericht, daß der Fluglotse eine Umleitung nach Minsk oder Moskau empfahl, dann aber die Piloten runtergesprochen haben soll.

  8.   Christian Pohle Says:

    Es gibt einen Bericht des Aviation Herald:

    http://www.avherald.com/h?article=429ec5fa&opt=0

    Ich habe aufgrund dieses Berichtes den Artikel mit Nachtrag 2 aktualisiert.

Leave a Reply